Wenn Menschen mit einer KI über Suizid sprechen – Gedanken einer Sterbeamme aus Hamburg
Vor wenigen Tagen las ich einen Artikel im Deutschen Ärzteblatt, in dem berichtet wurde, dass Hunderttausende Menschen ChatGPT nutzen, um über Suizid zu sprechen.
Als Sterbeamme begleitet mich dieser Gedanke seitdem – leise, eindringlich, fast wie ein Echo meiner eigenen Gespräche mit Sterbenden, Trauernden und Verzweifelten.
Ich weiß, wie schwer es ist, Worte zu finden für den Wunsch, nicht mehr zu leben.
Ich weiß auch, wie viel Mut es kostet, ihn auszusprechen.
Und ich frage mich: Was bedeutet es, wenn so viele Menschen diesen Mut nicht einem Menschen schenken – sondern einer Maschine?
Eine Zahl, die betroffen macht
Laut OpenAI führen rund 0,15 % der wöchentlichen Nutzer*innen von ChatGPT Gespräche über Suizidgedanken – das sind über eine Million Menschen weltweit.
Die KI erkennt inzwischen solche Anzeichen und verweist auf Hilfsangebote.
Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch, der offenbar niemand anderen hatte, mit dem er oder sie darüber sprechen mochte oder konnte.
Diese Vorstellung berührt mich zutiefst.
Denn in meiner Arbeit begegne ich täglich Menschen, die sich nicht mehr gesehen fühlen – die inmitten einer lauten Welt unsichtbar geworden sind.
Warum jemand lieber mit einer KI spricht
Ich kann es verstehen.
Eine KI hört zu, ohne zu unterbrechen. Sie bewertet nicht.
Man muss sich nicht schämen, nicht erklären, keinen Blick aushalten, der vielleicht erschrickt oder urteilt.
Und: sie ist immer da – Tag und Nacht, ohne Wartezeiten, ohne Grenzen.
Vielleicht ist das die neue „anonyme Telefonzelle der Seele“ – ein Ort, an dem man etwas ausspricht, was man keinem anderen Menschen anvertrauen kann.
Doch genau darin liegt auch die Gefahr.
Worte ohne Wärme
Als Sterbeamme bin ich Zeugin vieler stiller, schmerzhafter Gespräche.
Ich weiß, dass echte Begegnung mehr ist als Worte.
Es ist der Blick, die Nähe, das Schweigen, das man aushält, wenn keine Antwort reicht.
Das kann keine künstliche Intelligenz ersetzen – so fein sie auch formuliert.
Wenn jemand in suizidaler Not mit einer KI spricht, kann das ein erster, lebensrettender Schritt sein – weil das Schweigen gebrochen wird.
Aber es darf nicht der letzte Schritt bleiben.
Denn eine Maschine kann keinen Arm reichen, kein Herz halten, keine Tränen mittragen.
Was wir daraus lernen sollten
Ich glaube, dass diese Entwicklung ein Spiegel ist – kein technisches Phänomen, sondern ein gesellschaftliches Symptom.
Menschen wenden sich an eine KI, wenn sie keinen Menschen finden, der zuhört.
Das ist kein Versagen der Technik – das ist ein Ruf an uns alle.
Wir brauchen wieder Räume, in denen über Leid, Tod, Abschied und Suizidgedanken ehrlich gesprochen werden darf.
Ohne Pathologisierung. Ohne Scham.
Als Sterbeamme versuche ich, solche Räume zu öffnen – in Gesprächen, in Abschieden, in meiner Arbeit hier in Hamburg.
Eine Brücke, kein Ersatz
Vielleicht kann ChatGPT – oder jede andere KI – eine Brücke sein.
Ein erster Schritt, um Worte zu finden.
Aber dann braucht es den zweiten: den Schritt zu einem echten Menschen.
Wenn jemand in einer Krise steckt, dann braucht er nicht perfekte Sätze – sondern Präsenz.
Und wenn diese Präsenz fehlt, wird selbst der klügste Algorithmus nur ein digitaler Schatten dessen, was wir wirklich brauchen.
Ein persönlicher Appell
An alle, die dies lesen und vielleicht gerade mit sich kämpfen:
Wenn Sie je mit einer KI über Ihre Verzweiflung gesprochen haben –
dann bedeutet das: Sie wollen leben. Sie suchen Verbindung.
Bitte gehen Sie diesen Schritt weiter.
Rufen Sie an, schreiben Sie jemandem, öffnen Sie sich einem Menschen.
Hier in Hamburg, in Deutschland, überall gibt es Hilfe.
Und an meine Kolleginnen und Kollegen in der Begleitung:
Lasst uns wach bleiben. Hinhören.
Nicht, um Technik zu verurteilen – sondern um Menschen wieder an Menschen zurückzubringen.
Denn kein Algorithmus kann halten, was nur Menschlichkeit vermag.
Hilfe und Anlaufstellen
Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, über Suizid nachdenkt, holen Sie sich bitte sofort Hilfe:
Telefonseelsorge (kostenlos, anonym, 24/7): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Nummer gegen Kummer: 116 111 (Kinder & Jugendliche)
In Hamburg: Krisendienst Hamburg, Tel. 040 42811 3000
International: findahelpline.com