Trauer am Arbeitsplatz – Aus dem Alltag einer Sterbeamme und Coachin

Wenn kein Raum bleibt für den Schmerz

Manchmal sitze ich bei einem Menschen am Sterbebett und denke: „Wie wird es sein, wenn  morgen der Stuhl in ihrem Büro dauerhaft leer bleiben wird? Wie werden die Kollegen am Schreibtisch sitzen, wie wird der Chef mit dem Verlust im Team umgehen?“


Und ich weiß:
Es wird schwer. Denn für Trauer gibt es in unserer Arbeitswelt keinen Raum. 

Ich begleite als Sterbeamme Menschen am Ende ihres Lebens, aber auch ihre Hinterbliebenen. Und immer wieder höre ich von Hinterbliebenen:
„Ich muss jetzt schnell wieder funktionieren.“
„Ich darf ja nicht einfach fehlen.“
„Es gibt doch keine Krankschreibung für Trauer.“

Und genau da liegt das Problem:

 

Trauer ist keine Krankheit – aber sie macht krank, wenn sie keinen Platz bekommt

 

Trauer ist kein medizinischer Zustand, keine Diagnose. Sie ist eine natürliche Antwort auf Verlust. Sie gehört zu unserem Menschsein dazu.
Und doch kennt unser Arbeitsrecht sie nicht. Es gibt keine Ziffer, die Trauer als Grund für eine Krankschreibung rechtfertigt. Wenn überhaupt, müssen Ärztinnen und Ärzte eine Depression oder eine Anpassungsstörung diagnostizieren, um den Weg zur Arbeitsunfähigkeit zu ebnen.

Aber was für ein Signal senden wir damit?
Dass Trauer eine Krankheit sein muss, um anerkannt zu werden?
Dass wir den Menschen erst pathologisieren, damit er Zeit zum Heilen bekommt?

 

Die Realität: Sonderurlaub – ein schlechter Witz

 

Natürlich gibt es Sonderurlaubsregelungen. Meistens ein bis zwei Tage, aber nur wenn ein naher Angehöriger stirbt. Maximal zwei Tage – für ein gebrochenes Herz, für ein Leben, das sich unwiederbringlich verändert hat?!
Wie soll das reichen?
Wie soll ein Mensch in zwei Tagen den Weg von der Beerdigung zurück ins „funktionieren müssen“ finden?

Was bräuchte es stattdessen?

Ich wünsche mir eine Arbeitswelt, die versteht, dass Trauer keine Ausnahme, sondern ein Teil des Lebens ist. Dass es Phasen gibt, in denen Leistung nicht alles sein kann.

Wir brauchen:

  • Eine klar geregelte Trauerzeit, ähnlich der Elternzeit.

  • Flexible Rückkehrmodelle: stufenweise Wiedereingliederung, Teilzeitoptionen, Homeoffice.

  • Schulungen für Führungskräfte, um den Umgang mit Trauer im Team zu lernen.

  • Externe Begleitung für Trauernde – durch Trauerbegleiter:innen, Coaches, ja durch Sterbeammen wie mich.

Denn oft ist es nicht der Schmerz selbst, der krank macht. Es ist das Nicht-Darüber-Sprechen-Dürfen. Das Funktionieren-Müssen, während innen alles in Trümmern liegt.

 

Trauer ist auch Team-Arbeit

 

Wenn ein Kollege trauert, berührt das auch die anderen im Team. Es ist, als öffne sich ein Raum, in dem plötzlich alle ihre eigenen Verluste spüren – oft ganz unbewusst. Die Trauer des einen erinnert die anderen an das, was sie selbst verloren haben: Eltern, Freunde, Partner, vielleicht auch unaufgearbeitete Abschiede. Das kann Unsicherheit auslösen, manchmal Rückzug, manchmal übergroße Hilfsbereitschaft. Umso wichtiger ist es, das nicht zu übergehen, sondern offen anzuerkennen:

Trauer gehört nicht nur dem einen, sie ruft etwas in uns allen wach.

Ein Team, das das versteht, kann ein Ort sein, an dem nicht nur die Arbeit zählt, sondern auch das Menschsein Platz hat.

Gemeinsam kann man dieses Themaanschauen, sich stützen, Aufgaben umverteilen, emphatisch sein und miteinander wachsen. Trauer kann wahre Gemeinschaft auslösen. Und trotzdem hat jeder seinen ganz eigenen Weg zu trauern! 

 

Eine Gesellschaft zeigt sich im Umgang mit den Trauernden

 

Wenn wir als Gesellschaft, als Arbeitswelt, als Kollegenschaft keinen Raum für Trauer schaffen, dann läuft etwas grundsätzlich falsch. Dann definieren wir Menschen über ihre Produktivität – und übersehen unsere Herzen!

Als Sterbeamme sehe ich: Trauer will keinen Mitleidsbonus. Sie will einfach gelebt werden um Heilung zu ermöglichen.
Damit der Mensch wieder aufrichten kann, was zerbrochen ist – in seiner Zeit, auf seine Weise.

Vielleicht sollten wir uns daran erinnern:
Wir alle werden eines Tages trauern. Und wir alle werden uns dann wünschen, dass uns jemand nicht nur fragt:

„Wann kommst du wieder in die Spur?“
sondern:
„Was brauchst du jetzt wirklich?“

Von Herz zu Herz,
Nadine