Organspende und der Moment des Todes: Warum „permanent“ nicht „irreversibel“ ist
Ein Blogbeitrag einer Sterbeamme aus Hamburg
Als Sterbeamme in Hamburg begleite ich Menschen auf ihrem letzten Weg – in Stille, im Gespräch, im Aufbruch. Dabei begegnet mir immer wieder dieselbe Frage:
Wann ist ein Mensch wirklich tot?
Diese Frage hat gerade wieder Aktualität bekommen. Denn im Zuge der geplanten Änderung des Schweizer Transplantationsgesetzes und in den überarbeiteten SAMW-Richtlinien (Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, Vernehmlassung 2025) soll ein zentrales Wort geändert werden:
Statt vom „irreversiblen“ Ausfall der Gehirnfunktion soll künftig vom „permanenten“ Ausfall die Rede sein.
Die endgültige Fassung der Richtlinie soll 2026 in Kraft treten.
Das klingt nach einer kleinen sprachlichen Anpassung – ist in Wahrheit aber eine gewaltige Verschiebung.
Was bedeutet der Unterschied zwischen „irreversibel“ und „permanent“?
In der Sterbebegleitung und in der Medizin steht „irreversibel“ für einen Zustand, der nicht mehr umkehrbar ist.
Das Leben hat sich vollständig zurückgezogen – kein Herzschlag, keine Hirnaktivität, kein Atem, keine Rückkehrmöglichkeit.
„Permanent“ hingegen bedeutet nur, dass der Zustand andauert, weil nichts mehr unternommen wird, um ihn zu verändern.
Der Unterschied ist fein, aber bedeutsam:
„Irreversibel“ beschreibt den Tod.
„Permanent“ beschreibt eine Entscheidung, den Tod anzunehmen – auch wenn theoretisch noch ein Rest Möglichkeit bestünde.
Warum das juristisch und ethisch wichtig ist
Nach geltendem Transplantationsrecht darf eine Organentnahme nur nach Eintritt des Todes erfolgen.
Wenn die Formulierung „irreversibel“ durch „permanent“ ersetzt wird, verschiebt sich die juristische Schwelle:
Der Tod wird nicht mehr ausschließlich biologisch, sondern auch handlungsbezogen definiert.
Der Medizinrechtler Rainer Beckmann schreibt in seinem Artikel
„Organspende: ‘permanent’ ist nicht ‘irreversibel’“ (NZZ, 28. Oktober 2025),
dass dadurch die Grenze zwischen Leben und Tod verwischt.
Er warnt:
Wenn ein Zustand nur „permanent“ ist, dann heißt das möglicherweise nur, dass niemand mehr versucht, ihn zu verändern – nicht, dass er unumkehrbar ist.
Für die Praxis der Organspende bedeutet das:
Ein Mensch könnte für tot erklärt werden, weil man die Reanimation beendet hat, nicht weil der Tod tatsächlich unumkehrbar eingetreten ist.
Aus Sicht einer Sterbeamme
Ich begleite Sterbende, ihre Angehörigen und manchmal auch das medizinische Personal.
Ich sehe, wie dünn der Faden ist, an dem Leben hängt – wie still der Moment ist, in dem er reißt.
In meiner Arbeit bedeutet „irreversibel“, dass der Mensch unwiederbringlich geschädigt ist.
„Permanent“ dagegen klingt für mich nach Entscheidung, nach menschlicher Begrenzung – nach einem Stopp, nicht nach einem Ende.
Das mag medizinisch legitim sein.
Aber seelisch ist es eine andere Wahrheit.
Vertrauen und Organspende
Organspende ist ein Akt tiefster Menschlichkeit.
Doch sie braucht Vertrauen.
Wenn Angehörige das Gefühl haben, dass zwischen Leben und Tod Behandlungsethik statt Biologie entscheidet, dann entsteht Unsicherheit – und Zweifel.
Als Sterbeamme in Hamburg erlebe ich, wie wichtig klare Kommunikation ist.
Menschen, die Abschied nehmen, brauchen Sicherheit, dass der Tod wirklich eingetreten ist, bevor jemand den Körper ihres geliebten Menschen berührt.
Worte schaffen diese Sicherheit – oder zerstören sie.
Warum Sprache Leben und Tod verändert
Die Sprache, die wir für den Tod wählen, ist nie neutral.
Sie formt unser Bewusstsein, sie lenkt unsere Handlungen, sie beeinflusst unsere Entscheidungen.
Ein einziges Wort – irreversibel oder permanent – kann den Moment des Todes verschieben.
Darum ist Beckmanns Kritik so wichtig.
Es geht nicht um Fachbegriffe, sondern um Verantwortung:
Wie präzise sind wir, wenn wir über das Ende des Lebens sprechen?
Wie sicher sind wir, dass der Mensch, dessen Organe gespendet werden, wirklich gegangen ist?
Mein Fazit
Als Sterbeamme sehe ich täglich, wie dünn der Vorhang zwischen Leben und Tod ist.
Ich wünsche mir, dass wir ihn nicht durch unklare Sprache zerreißen.
Wenn jemand stirbt, sollten wir wissen – mit Herz, mit Verstand und mit Würde –, dass dieser Moment wirklich irreversibel ist.
Nur so können wir als Gesellschaft vertrauensvoll über Organspende, Lebensende und Menschlichkeit sprechen.