Der letzte Auftritt – Der gemeinsame Tod der Kessler-Zwillinge und was er uns zeigt
Als Sterbeamme begleite ich Menschen im Abschied. Doch manche Tode erreichen uns, auch wenn wir nicht dabei waren. Der gemeinsame Tod von Alice und Ellen Kessler ist so ein Moment. Zwei Frauen, fast neun Jahrzehnte lang Seite an Seite durchs Leben gegangen, haben sich entschieden, es auch gemeinsam zu verlassen.
Geplant. Bewusst. Still.
Ihr Schritt berührt – und er wirft Fragen auf: über Würde, über Selbstbestimmung, über unsere Vorstellung vom guten Sterben. Und über die Gesellschaft, in der Entscheidungen wie diese getroffen werden.
Ein geplanter Abschied – und der gesellschaftliche Spiegel
Die Kessler-Zwillinge waren nie getrennt. Nicht im Leben, nicht im Bild, nicht in ihrer Biografie. Dass sie auch den Tod gemeinsam wählten, mag konsequent erscheinen – und doch ist es alles andere als selbstverständlich. Es ist ein tief persönlicher, zugleich hoch politischer Akt.
Denn ihr Abschied findet in einer Zeit statt, in der über Sterbehilfe, assistierten Suizid und das würdige Altern gesellschaftlich gerungen wird. In einer Zeit, in der viele Menschen Angst davor haben, zu verfallen, zu vereinsamen, vergessen zu werden. Was also sagt ihr Entschluss – bei aller Autonomie – auch über uns als Gesellschaft aus?
Karl Lauterbach und die politische Reaktion
Gesundheitsminister Karl Lauterbach forderte nach dem Tod der Zwillinge erneut eine gesetzliche Regelung für den assistierten Suizid. Er warnte vor kommerziellen Angeboten, vor möglichen Einflussnahmen und vor Entscheidungen, die aus psychischer Krankheit heraus getroffen werden könnten.
Als Sterbeamme höre ich solche Worte mit gemischten Gefühlen.
Denn was Lauterbach als „Schutz“ meint, bedeutet für viele Betroffene vor allem eines: Ausschluss.
Wer darf gehen – und wer bleibt zurück?
Faktisch sind es nicht die vulnerabelsten Menschen, die begleitet aus dem Leben gehen dürfen, sondern häufig die gut informierten, gut vernetzten, stabilen.
Denn: Menschen mit psychischen Erkrankungen oder kognitiven Einschränkungen wird der Zugang zur Freitodbegleitung generell verweigert in Deutschland – obwohl sie oft seit Jahren leiden. Sie gelten als „nicht entscheidungsfähig“ oder „nicht zurechnungsfähig genug“, um diesen Schritt selbstbestimmt gehen zu können. Doch wer schützt sie wirklich?
Und wer hört ihnen wirklich zu?
Zahlen, die zum Nachdenken einladen
Ein Blick auf die aktuellen Daten zur Freitodbegleitung in Deutschland hilft, das Bild zu schärfen:
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Im Jahr 2024 haben etwa 1.200 Menschen in Deutschland eine organisierte Freitodbegleitung in Anspruch genommen.
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Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) vermittelte davon 623 Fälle, die Organisation DIGNITAS Deutschland meldete 183 Begleitungen.
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Das Durchschnittsalter der begleiteten Personen lag bei 78 Jahren.
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Die häufigste Altersgruppe: 80 bis 89 Jahre.
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Die Hauptmotive: Multimorbidität (mehrere schwere Krankheiten) und der Wunsch nach einem würdevollen Abschluss – oft zusammengefasst unter dem Begriff „Lebenssattheit“.
Diese Zahlen zeigen: Der assistierte Suizid ist kein Schnellschuss junger Menschen in der Krise. Er ist – meist – eine bewusste Entscheidung hochaltriger Menschen, die nach langer Lebenszeit spüren, dass ihre letzte Grenze erreicht ist.
Was bleibt – und was wir daraus lernen können
Die Kessler-Zwillinge sind gegangen, wie sie gelebt haben: gemeinsam, entschlossen, stilvoll. Sie haben einen Schritt gewählt, der für sie stimmig war. Aber ihr Tod ist mehr als eine persönliche Geschichte. Er ist auch ein gesellschaftlicher Spiegel.
Was tun wir, damit Menschen nicht gehen müssen, weil sie keine Unterstützung mehr finden?
Wie können wir Sterben begleiten, ohne zu entmündigen?
Und wie schaffen wir ein System, das nicht nur „erlaubt“ – sondern versteht, ermöglicht und auf Augenhöhe begleitet?
Aus Sicht einer Sterbeamme
Ich begleite keine Entscheidungen – ich begleite Menschen.
Ich bin nicht da, um zu bewerten, sondern um zu halten.
Doch ich sehe deutlich:
Der Wunsch zu gehen entsteht oft dort, wo das Leben zu eng geworden ist.
Enge kann man lindern. Oder achten.
Aber ignorieren darf man sie nicht.
Die Frage ist nicht, ob wir Sterbehilfe gut oder schlecht finden.
Die Frage ist, ob wir den Mut haben, hinzusehen – und jedem Menschen einen würdigen Abschied zu ermöglichen.
Nicht nur denen, die gut organisiert und stark genug sind, sich durchzusetzen.