Reerdigung – Aus dem Alltag einer Sterbeamme & Coachin

Reerdigung – Zurück zur Erde auf die sanfteste Weise


Ein nachhaltiger Abschied, der wirklich natürlich ist – wäre das was?

Als Sterbeamme erlebe ich zunehmend häufiger die Frage nach der Möglichkeit, wirklich natürlich zu gehen – nicht nur im übertragenen, sondern auch im ganz praktischen Sinn. Doch was heißt das konkret?

Viele denken zuerst an Feuerbestattung oder Naturgräber. Doch besonders wenn es um Nachhaltigkeit geht, stoßen wir hier an Grenzen: Die Kremation verbraucht große Mengen Energie, setzt CO₂ frei und die Asche ist für Böden nicht nährstoffreich, sondern eher belastend.

Eine neue Möglichkeit gewinnt zunehmend Aufmerksamkeit: die Reerdigung – auch bekannt als Humusbestattung. Sie verbindet Ökologie und Kreislaufdenken auf besonders sanfte Weise.

 

Was ist Reerdigung?

 

Bei der Reerdigung wird der menschliche Körper in einem geschlossenen System innerhalb von etwa 40 Tagen zu nährstoffreicher Erde verwandelt – ganz ohne Feuer, ohne chemische Zusätze, nur durch natürliche Mikroorganismen, Wärme, Sauerstoff und pflanzliches Material wie Stroh und Blumen.

Statt Verbrennung gibt es also einen biologisch aktiven Prozess, bei dem der Körper auf ganz natürliche Weise zurück in den Kreislauf der Natur findet.

 

Warum ist Reerdigung nachhaltig?

 

  • Kein CO₂-Ausstoß durch Verbrennung

  • Keine schädliche Asche, sondern fruchtbare Erde

  • Körperlicher, direkter Bezug zum natürlichen Werden und Vergehen

  • Verzicht auf Sarg oder Metallteile – stattdessen: biologisches Material wie Hanf, Leinen oder Holzspäne

  • Verwandlung statt Vernichtung – der Körper bleibt im Prozess „ganz“

Die entstandene Erde wird – je nach Wunsch – an einem Grabplatz beigesetzt oder kann sogar an einem ausgesuchten Ort verstreut oder verwendet werden, z. B. für die Pflanzung eines Baumes (je nach rechtlicher Regelung).

 

Wie läuft eine Reerdigung ab?

 

  1. Der Körper wird in einen Kokon aus pflanzlichem Material gebettet – meist direkt nach dem Tod.

  2. In einer speziellen Reerdigungseinrichtung beginnt der Prozess der Umwandlung: eine Kombination aus kontrollierter Temperatur, Feuchtigkeit und Sauerstoffzufuhr.

  3. Nach ca. 40 Tagen ist der Körper vollständig in Erde übergegangen.

  4. Die entstandene Erde wird in einem liebevollen Ritual beigesetzt – auf einem Reerdigungsfeld oder Friedhof, der dafür freigegeben ist.

 

 Für wen ist diese Bestattungsform geeignet?

 

Für alle, die:

  • sich einen ganzheitlich ökologischen Abschied wünschen

  • Feuerbestattung kritisch sehen oder ablehnen

  • eine Verbindung zur Natur spüren und sie nicht belasten, sondern bereichern möchten

  • auf der Suche nach neuen Formen der Abschiedskultur sind, jenseits von Konventionen

Reerdigung  macht den natürlichen Prozess des Werdens und Vergehens sichtbar, greifbar und heilend. Es ist, als würde der Tod nicht ein Ende markieren, sondern der Anfang von etwas Neuem – ganz konkret, ganz still.

Der Gedanke, dass der eigene Körper nicht verbrannt wird, sondern in lebendige Erde übergeht, kann den Menschen Trost schenken. Und es zeigt: Es gibt Alternativen. Sanfte, zukunftsfähige Wege, Abschied zu gestalten. In Deutschland ist es bisher ein Pilotprojekt und noch nicht gesetzlich zugelassen. In Teilen der USA und Kanada wird es bereits praktiziert.