Organspende neu gedacht – was die Reform vom 22. Oktober 2025 (Schweiz) bedeutet – Aus dem Alltag einer Sterbeamme & Coachin

In meiner Arbeit als Sterbeamme begegne ich immer wieder der tiefen Frage:
Was bleibt, wenn das Leben endet – und was darf weitergehen?

Die Reform der Organspende, die das Bundeskabinett am 22. Oktober 2025 beschlossen hat, bringt diese Frage erneut ins öffentliche Bewusstsein. Sie verändert nicht nur rechtliche Strukturen, sondern berührt zutiefst menschliche und spirituelle Themen – Nähe, Hingabe, Verantwortung und Abschied.

 

Was sich geändert hat

 

Das neue Gesetz erweitert die Möglichkeiten der Lebendorganspende, besonders bei der Niere.
Zwei zentrale Neuerungen stehen im Mittelpunkt:

  • Überkreuz-Lebendspende: Wenn Spenderin und Empfängerin medizinisch nicht kompatibel sind, können sich zwei Paare gegenseitig „überkreuz“ helfen. So kann Leben geschenkt werden, auch wenn das eigene Organ nicht direkt passt.

  • Anonyme Spende: Künftig darf eine Niere auch ohne persönlichen Bezug gespendet werden – an eine unbekannte Person, die dringend auf ein Organ wartet.

Begleitet werden diese Änderungen von mehr Schutz und Fürsorge für Spender*innen: eine verpflichtende psychosoziale Beratung, Nachsorge und die Möglichkeit, bei späterem Eigenbedarf bevorzugt ein Organ zu erhalten.

Es geht also nicht nur um Zahlen oder Verfahren, sondern um Vertrauen – in sich selbst, in andere, und in das System.

 

Zwischen Leben, Tod und Hingabe

 

Als Sterbeamme bewege ich mich oft in dem Raum zwischen Loslassen und Festhalten.
Organspende – ob lebend oder postmortal – ist genau dort angesiedelt: an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

In meiner Begleitung erlebe ich, dass viele Menschen über ihren Körper hinaus geben möchten.
Sie wünschen sich, dass etwas von ihnen bleibt – dass ihr Tod nicht nur Ende, sondern auch Anfang sein darf.
Andere hingegen spüren, dass der Körper in seiner Ganzheit ruhen soll – dass nichts mehr geteilt werden soll, wenn die Seele gegangen ist.

Beides ist zutiefst menschlich.
Diese Reform gibt nun mehr Raum für beide Seiten: für jene, die aktiv zu Lebzeiten schenken möchten, und für jene, die erst nach dem Tod ihre Gabe überlassen wollen.

 

Was sich für Angehörige verändert

 

Wenn eine Familie Abschied nimmt, sind Entscheidungen rund um Organspende oft schwer.
Die Reform kann hier Entlastung bringen, weil sie den Willen der Lebenden stärkt. Wer sich frühzeitig entscheidet, nimmt den Angehörigen später eine große Last.

In der Begleitung lade ich oft dazu ein, das Thema Organspende schon in ruhigeren Zeiten anzusprechen – in der Patientenverfügung, in Gesprächen über den eigenen Abschied, über das, was bleiben darf.
Die neuen gesetzlichen Regelungen bieten dafür einen stabileren Rahmen und mehr Klarheit.

So wird Organspende Teil der Lebensplanung – nicht der Krisenentscheidung.

 

Ethik, Emotion und Würde

 

Auch wenn das Gesetz vieles vereinfacht, bleibt eines unverändert:
Organspende ist immer ein zutiefst ethischer und emotionaler Akt.

Eine Lebendspende bedeutet, den eigenen Körper bewusst zu öffnen, um einem anderen das Leben zu verlängern. Eine postmortale Spende bedeutet, in Liebe loszulassen – über den Tod hinaus.

Für uns in der Sterbebegleitung heißt das:
Wir dürfen Menschen helfen, diese Entscheidungen in Würde zu treffen – ohne Druck, aber mit Bewusstsein.
Wir dürfen zuhören, begleiten, und den Raum halten, in dem solche Themen ausgesprochen werden dürfen.

 

Was ich mir wünsche

 

Ich wünsche mir, dass diese Reform nicht nur medizinisch verstanden wird, sondern als Einladung zu einem offenen Gespräch:
über das Geben, über das Leben, über das Ende – und über das, was danach bleibt.

Als Sterbeamme sehe ich meine Aufgabe darin, diese Gespräche zu ermöglichen.
Denn jede Entscheidung – ob für oder gegen eine Organspende – ist Ausdruck der Selbstbestimmung, der Liebe und der Verbindung, die über das Leben hinausreicht.

 

Fazit

 

Die Reform der Organspende vom Oktober 2025 bringt viele praktische Verbesserungen.
Aber für uns, die wir Menschen in Übergängen begleiten, bedeutet sie noch mehr:
eine neue Sprache des Vertrauens.
Sie erinnert uns daran, dass Leben und Tod keine Gegensätze sind – sondern Teil eines großen Kreislaufs von Geben und Nehmen.

 

 „Sterben ist nicht das Ende.
Manchmal ist es der Beginn von etwas, das wir mit dem Herzen weiterschenken.“