Ein nachhaltiger Abschied – Was möglich ist und warum es wichtig ist
Als Sterbeamme begleite ich Menschen in ihrer letzten Lebensphase, halte Raum für Fragen, Ängste und Wünsche – und oft begegnet mir dabei ein Thema, das noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt: Nachhaltigkeit im Sterben und im Abschied.
Was passiert mit uns, wenn wir gehen? Und was hinterlassen wir – nicht nur emotional, sondern auch ökologisch? Diese Fragen sind nicht leicht, aber sie sind wichtig. Denn auch der Tod hat eine ökologische Fußspur. Doch es gibt Wege, diese so leicht wie möglich zu gestalten – für die Erde und für die, die bleiben.
Was ist möglich? Nachhaltige Optionen rund um das Lebensende
1. Umweltfreundliche Bestattungsarten
Die klassische Erdbestattung in einem Sarg aus Tropenholz oder die klassische Feuerbestattung mit hohem Energieverbrauch sind nicht unbedingt nachhaltig. Doch es gibt Alternativen:
Naturbestattung (z. B. im Wald oder auf einer Almwiese)
Reerdigung *(Humusbestattung) – eine neue Form, bei der der Körper innerhalb von 40 Tagen in nährstoffreiche Erde umgewandelt wird
See-, Luft- oder Felsbestattungen** – je nach Ort und Form können diese umweltschonend sein
Urnen aus biologisch abbaubaren Materialien, z. B. aus Papier, Salz, Sand oder sogar Pilzmyzel
2. Nachhaltige Särge und Ausstattung
Wer sich für eine klassische Bestattung entscheidet, kann trotzdem ökologisch handeln:
Särge aus heimischem Holz, ohne Metall oder chemische Lacke
Innenausstattungen aus Leinen oder Bio-Baumwolle
Keine Kunststoffblumen, sondern lokale, saisonale Blüten oder sogar Wildblumenwiesen-Saatgut als Grabbeigabe
3. Abschiedskultur mit Achtsamkeit
Nachhaltigkeit meint auch soziale und emotionale Nachhaltigkeit:
Rituale im kleinen Kreis, draußen in der Natur, statt großer Trauerhallen
Persönliche Abschiedsmomente zu Hause oder im Hospiz – begleitet, liebevoll, entschleunigt
Erinnerungsstücke, die Bestand haben: handgeschriebene Briefe, ein gepflanzter Baum, ein digitales Vermächtnis
Verzicht auf aufwändige Grabsteine aus fernen Ländern – stattdessen: regionaler Stein, Holz oder ein lebendiges Grab mit Pflanzen
4. Bewusster Umgang mit Ressourcen
Auch der „Rahmen“ des Abschieds kann nachhaltig gestaltet werden:
Trauerdrucke auf Recyclingpapier oder digital
Fahrgemeinschaften zur Trauerfeier
Spenden statt Blumenschmuck – z. B. an Umweltprojekte oder Hospizdienste
Digitale Gedenkseiten statt aufwändiger Anzeigen
Was ist nachhaltig in der Sterbekultur?
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit nicht nur „umweltfreundlich“, sondern verantwortlich, achtsam und sinnstiftend. Es geht darum, wie wir mit Leben und Tod umgehen – und wie wir Verbindungen bewahren, ohne dabei die Erde zu überlasten.
Ein nachhaltiger Abschied ist nicht asketisch, sondern oft sogar besonders liebevoll. Weniger Kitsch, mehr Bedeutung. Weniger Konsum, mehr Gefühl. Und oft auch: mehr Zeit. Mehr Raum für das Wesentliche.
Mein Wunsch als Sterbeamme
Ich wünsche mir eine Abschiedskultur, die nicht nur auf das Ende blickt, sondern auf das, was bleibt: Erinnerung, Verbundenheit – und Verantwortung. Wir können als Gesellschaft neue Wege gehen, wenn wir den Mut haben, zu fragen: Wie wollen wir leben – und wie wollen wir sterben?
*Reerdigungen sind aktuell in Deutschland ein Pilotprojekt.
** Luft- und Felsbestattungen sind in Deutschland noch nicht zugelassen, aber in den angrenzenden Nachbarländern.