Metaphorisches Bilderstellen – Aus dem Alltag einer Sterbeamme und Coachin

Als Sterbeamme begleite ich Menschen auf ihrem letzten Weg. Dieser Prozess ist zutiefst intim, voller Emotionen und oft durchdrungen von unausgesprochenen Ängsten, Hoffnungen und Erinnerungen. Eine Methode, die mir in meiner Arbeit besonders wertvoll geworden ist, ist das metaphorische Bilderstellen, inspiriert durch die Ansätze von Claudia Cardinal. Diese Methode erlaubt es uns, Gefühle, Gedanken und Themen, die oft schwer in Worte zu fassen sind, auf eine sichtbare und greifbare Weise zu gestalten.

In der Begleitung eines sterbenden Menschen bedeutet metaphorisches Bilderstellen, Symbole zu finden, die für die Lebenserfahrungen, Gefühle und spirituellen Dimensionen stehen. Es ist eine Art visuelle Sprache, die oft tiefer geht als Worte. Viele Menschen, denen ich begegne, kämpfen mit ungelösten Konflikten, nicht ausgesprochenen Wahrheiten oder diffusen Ängsten. Hier bietet das metaphorische Bilderstellen eine sanfte Möglichkeit, all dies aus dem Inneren herauszuholen und in einem geschützten Raum sichtbar zu machen.

Ich erinnere mich an einen Mann, nennen wir ihn Paul, der kurz vor seinem Lebensende stand. Er sprach wenig und schien gefangen in einem Netz aus Traurigkeit und Reue. Gemeinsam suchten wir nach einem Bild, das seine Gefühle ausdrücken konnte. Er wählte ein verwittertes Segelboot auf einem stürmischen Meer. Im Laufe unserer Sitzungen wurde dieses Boot für ihn zu einem Symbol für sein Leben: voller Abenteuer, aber auch von Wind und Wetter gezeichnet. Das Meer stand für die Unberechenbarkeit des Lebens, die Stürme für die Herausforderungen, denen er sich stellen musste.

Durch das Arbeiten mit diesem Bild konnte Paul seine Gefühle besser verstehen und ausdrücken. Wir sprachen über die Stürme, die er überlebt hatte, über die Häfen, die ihm Schutz geboten hatten, und über die Reise, die er nun abschließen wollte. Dieses Bild des Bootes half ihm, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und sich auf den nächsten Schritt einzulassen.

Claudia Cardinal betont, dass Bilder Brücken zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten schlagen können. Diese Brücken sind in der Sterbearbeit besonders wichtig, da sie helfen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Manche Bilder bringen Klarheit, andere laden zur Reflexion ein, und wieder andere schenken Trost.

Als Sterbeamme nutze ich oft Gegenstände, die im Raum vorhanden sind, oder bitte den Sterbenden, sich ein inneres Bild vorzustellen. Es kann ein einfacher Stein sein, der für die Schwere des Lebens steht, oder eine Feder, die Leichtigkeit symbolisiert. Manchmal malen wir gemeinsam oder legen Gegenstände auf ein Tuch, um ein Bild zu gestalten. Der Prozess ist immer individuell und an die Bedürfnisse des Sterbenden angepasst.

Die Arbeit mit metaphorischen Bildern erfordert Achtsamkeit und Respekt. Ich stelle keine Interpretationen an, sondern lade den Sterbenden ein, seine eigenen Bedeutungen zu finden. Oft entstehen daraus tiefe Gespräche über das Leben, den Tod und das, was danach kommt. Für viele Menschen ist es erleichternd, diese Themen auf eine indirekte Weise anzusprechen.

Ich sehe mich in meiner Rolle als Begleiterin, die Raum schafft, damit der Sterbende sich ausdrücken kann. Das metaphorische Bilderstellen ist dabei wie ein Fenster, durch das ich einen Blick in die innere Welt des Menschen werfen darf. Es ist eine wertvolle Methode, die nicht nur den Sterbenden, sondern auch den Angehörigen hilft, das Unaussprechliche zu verstehen.

In der Sterbearbeit geht es nicht darum, Antworten zu geben oder Lösungen zu finden. Es geht darum, präsent zu sein, zuzuhören und die Prozesse zu unterstützen, die sich entfalten wollen. Das metaphorische Bilderstellen nach Claudia Cardinal ist für mich eine der berührendsten Möglichkeiten, diesem Auftrag gerecht zu werden.