Als Sterbeamme begleite ich Menschen und ihre Angehörigen auf dem letzten Weg des Lebens. Immer wieder erlebe ich, wie individuell Trauerprozesse verlaufen und doch sind die Phasen, die Verena Kast beschreibt, häufig gegeben .
Die erste Phase, der
Schock,
ist oft von Unglauben und Erstarrung geprägt. Ich sehe es in den Augen der Angehörigen, wenn sie die Nachricht erhalten, dass ihr geliebter Mensch bald gehen wird oder bereits verstorben ist. Sie stehen unter Schock, wehren die Realität ab, manchmal mit der Hoffnung, dass es sich um einen Irrtum handelt. In dieser Phase bin ich einfach da. Ich halte Hände, biete Halt und Raum für das, was unaussprechlich scheint.
Dann folgt die Phase der aufbrechenden
Emotionen.
Trauer, Wut, Schuldgefühle oder Angst – sie überrollen die Menschen oft unkontrollierbar. Ich erlebe Tränen, verzweifelte Rufe, manchmal auch Schweigen. Viele Angehörige fühlen sich schuldig, etwas versäumt zu haben oder nicht genug getan zu haben. Ich versuche, sie daran zu erinnern, dass alle Gefühle erlaubt sind und dass Trauer keinen festen Ablauf hat. In dieser Phase bin ich z.B. ein Anker, ein Zuhörer, der das Chaos der Gefühle aushält.
Die dritte Phase, das
Suchen und Sich-Trennen,
erlebe ich oft in Form von Gesprächen mit den Hinterbliebenen. Sie erzählen von Erinnerungen, spüren die Gegenwart des Verstorbenen auf vielfältige Weise und müssen sich nach und nach von der physischen Existenz dieses Menschen lösen. Ich ermutige sie, Erinnerungen zu bewahren, Rituale zu gestalten und den Verstorbenen in ihr Leben zu integrieren, ohne an der Vergangenheit festzuhalten.
Schließlich kommt die Phase des
neuen Selbst- und Weltbezugs.
Hier sehe ich, wie Angehörige langsam wieder ins Leben zurückfinden. Sie lernen, mit dem Verlust zu leben, und erkennen, dass Trauer nicht bedeutet, loszulassen, sondern eine neue Form der Verbindung zu finden. Ich begleite sie in diesem Prozess, bis sie spüren, dass sie wieder eigenständig gehen können.
Als Sterbeamme ist es meine Aufgabe, Raum für all diese Phasen zu geben, Halt zu bieten und Trauernde in ihrem individuellen Weg zu unterstützen. Denn der Tod nimmt einen geliebten Menschen, aber die Liebe und die Erinnerungen bleiben.