Die 5 Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross – Aus dem Alltag einer Sterbeamme und Coachin

Eine Begleitung aus meiner Sicht als Sterbeamme

Ich begleite Menschen auf ihrem letzten Weg, halte ihre Hand, wenn Worte nicht mehr nötig sind, und bin da, wenn das Leben sich langsam verabschiedet. Jeder Mensch stirbt auf seine eigene Weise, doch oft durchlaufen Sterbende ähnliche emotionale Phasen. Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hat diese in fünf Sterbephasen beschrieben. Ich erlebe sie in meiner Arbeit täglich – mal sanft ineinanderfließend, mal in Wellen, manchmal in Wiederholungen.

 

1. Verleugnung – „Das kann nicht sein.“

Oft erlebe ich, dass Menschen die Diagnose oder die Realität des nahenden Todes zunächst nicht akzeptieren. Sie sagen Sätze wie: „Das muss ein Irrtum sein“ oder „Ich fühle mich doch gar nicht so krank.“ Ich verstehe das. Die Wahrheit ist schwer zu ertragen. In diesen Momenten bin ich da, ruhig und geduldig, ohne zu drängen. Manchmal reicht es, einfach zuzuhören und mit ihnen in dieser Phase zu verweilen.

 

2. Wut – „Warum ich?“

Irgendwann kommt oft die Wut. Sie richtet sich gegen Ärzte, gegen Angehörige, gegen Gott oder das Schicksal – manchmal auch gegen mich. „Warum passiert mir das?“ höre ich dann. „Das ist unfair!“ Ich weiß, dass diese Wut nicht persönlich gemeint ist. Sie ist Ausdruck des Schmerzes, der Hilflosigkeit. Ich bleibe standhaft, lasse die Wut zu, ohne sie zu bewerten. Manchmal ist es ein Segen, dass sie herauskommt, denn erst dann kann Heilung geschehen.

Damit meine ich nicht die körperliche Heilung im Sinne einer Genesung, sondern eine innere, seelische Heilung. Wenn ein Sterbender diese Wut zulässt, anstatt sie zu unterdrücken, kann sich etwas lösen. Die aufgestaute Angst, der Schmerz, die Hilflosigkeit – all das darf herauskommen. Und wenn das geschieht, entsteht Raum für eine tiefere Annahme des eigenen Sterbens.

 

3. Verhandeln – „Wenn ich doch nur…“

In dieser Phase erlebe ich oft Momente voller Hoffen und Bitten. „Wenn ich mich gesünder ernähre, kann ich dann noch länger leben?“ Oder: „Vielleicht gibt es doch noch eine Therapie?“ Manche bitten Gott um mehr Zeit, andere machen Versprechen. Ich nehme diese Wünsche ernst, aber ich begleite auch sanft auf dem Weg zur Akzeptanz.

 

4. Depression – „Es ist sinnlos.“

Wenn die Erkenntnis kommt, dass es kein Zurück mehr gibt, taucht oft eine tiefe Traurigkeit auf. Ich erlebe Tränen, Rückzug, manchmal auch Schweigen. Hier ist meine Aufgabe, einfach da zu sein. Ich muss nichts sagen, nichts beschönigen. Meine Hand auf ihrer, meine stille Anwesenheit – das ist oft genug. In dieser Phase kann echter Frieden entstehen, wenn die Trauer ihren Raum bekommt.

 

5. Akzeptanz – „Ich bin bereit.“

Nicht jeder Mensch erreicht diese letzte Phase. Aber wenn sie kommt, ist sie spürbar. Die Angst weicht, und eine ruhige Klarheit setzt ein. Manche Menschen sprechen von Frieden, andere von einem tiefen Loslassen. „Es ist gut so“, höre ich manchmal. In diesen Momenten bin ich erfüllt von Demut. Ich bin nur Begleiterin, Zeugin dieses Übergangs.

Jeder Sterbende geht seinen eigenen Weg, und nicht jeder durchläuft alle Phasen in dieser Reihenfolge. Manchmal wiederholen sie sich, manchmal vermischen sie sich. Als Sterbeamme sehe ich meine Aufgabe darin, diesen Prozess zu begleiten – mit Geduld, Liebe und Respekt. Der Tod ist kein Feind, sondern ein Übergang. Und wenn ich einem Menschen helfen kann, diesen Übergang mit Frieden zu gehen, dann weiß ich, dass ich meinen Platz gefunden habe.